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YOGA
PHILOSOPHIE
Philosophie-Einleitung
Weshalb berichten wir hier über östliche Philosophie? Nun, wenn sie einige Jahre Yoga praktiziert haben, spätestens aber, wenn sie sich mit den Atemübungen auseinander setzen, werden sie bemerken, das da mehr ist, als bloße Körperübungen. Nun ist es an der Zeit sich näher mit den Hintergründen auseinander zu setzen, die untrennbar mit dem Yoga verbunden sind. Die Philosophie des Yoga wird sich über die Yogastunden hinaus erstrecken und in unseren Alltag hinein wirken.
Die Suche nach Erkenntnis
Wenn wir uns heute beginnen für Yoga zu interessieren und zum ersten Mal einen Yoga-Kurs besuchen, so werden wir fast ausnahmslos zuerst mit den Asanas, den Körperübungen konfrontiert. Doch sind jene Körperübungen lange Zeit in Vergessenheit geraten und erst wieder in jüngerer Zeit fester Bestandteil des Yoga-Systems. Sehr lange Zeit wurde alleine die Meditation, das Sitzen in einer festen und angenehmen Haltung und das zähmen der Funktionen des Geistes als wahrer Yoga betrachtet. Heute ist es in vielerlei Hinsicht genau Umgekehrt. Wir sezten uns fast ausschließlich mit Körperübungen auseinander und nur mit viel guten Willen geben wir uns den Atemübungen oder der Meditation hin.
Im Mittelpunkt der Yoga-philosophie steht der Gedanke, das alles Existierende; alle Steine, Pflanzen und Tiere, alle Gedanken und Gefühle ja gänzlich die ganze belebte und unbelebte Natur aus einer einzigen Quelle entspringen. Diese Quelle nennt man im Yoga Brahman (ब्रह्मन् - brahman). Folgernd aus dieser Annahme geht Yoga noch einen Schritt weiter. Weil es am Anfang nur dieses Eine gab und kein Zweites, entspringen wir nicht nur dieser Urquelle, sonder bestehen aus ihr, leben in ihr und werden von ihr in jeder Minute unseres Leben durchdrungen. Wir sind Brahman! Wenn man nun weiß, das mit Brahman die drei Begriffe Sein, Wissen, Glückseligkeit (sat सत् - chitta चित - ānanda आनन्द erste Erwähnung in der Nrisimha-Uttara Tapaniya Upanishad) gleichgesetzt werden, so stellt sich schnell die Frage: Wo ist das Wissen und die Glückseligkeit in unserm alltäglichen Dasein? Weshalb spielt sich unser Leben zwischen den Polen von höchster Freude und tiefster Traurigkeit, in all ihren verschiedenen Erscheinungsformen ab?
Dieses Dilemma löst die Vedantaphilosophie mit einer einfachen Erklärung. Wir haben unser wahres Sein vergessen und verwechseln unser Selbst mit unserem Körper, unseren Taten, unseren Gedanken! Dieses Verwechseln, diese Täuschung über die Beschaffenheit unseres Selbst heißt Avidya अविद्य - Unwissenheit. Sie ist die Wurzel allen Leids.
Über das Selbst
Wir wissen nun, das Brahman die Allseele der Urgrund alles seienden ist. Die herausragendste Eigenschaft Brahmans ist es, Eigenschaftslos zu sein. Ohne Eigenschaften bedeutet, das Brahman frei von Begrenzungen ist, nicht geteilt und nicht beschrieben werden kann. Diese Umstände machen es ausgesprochen schwierig über Brahman zu sprechen. Deutlich wird dies, sobald man versucht das Selbst in uns zu erklären. Hierzu ein Beispiel, wie sich die indischen Weisen zu helfen wissen indem sie nicht das Wesen Brahmans beschreiben, sondern aufführen, was Brahman nicht ist:
"Dieses... nennen die Kenner des Brahman das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos, finsterlos; windlos, raumlos; ohne Haftung; ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bedrohungslos, unsterblich; ohne Raum, ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehend; nicht außen, nicht innen. Nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm..."
Brhadaranyaka-Upanisad (3.8.8)
Nach dem Vedanta beginnt sich aus Brahman heraus die Welt zu entwickeln, indem "Teile" Brahmans Eigenschaften annehmen. Durch diese Eigenschaften, Begrenzungen (उपाधि - upādhi) wird das Wissen um das eigene Sein immer mehr verschleiert. Schlussendlich wähnt sich das Brahman im Individuum, das nun Atman (आत्मन् - ātman) genannt wird, als völlig getrennt vom universellen Brahman. Deutlich zu unterscheiden sind also die beiden wichtigen Begriffe Brahman, die universelle Seele und Atman, das Brahman im Individuum. Alles um uns herum besteht aus Atmanen, die sich mit Eigenschaften identifizieren. Diese Eigenschaften verdecken ähnlich wie Schleier den Blick zu Brahman und erzeugen damit unser Ego, unser Ichbewusstsein.
